Liebe Blogleser*innen

 

Diejenigen die mich kennen, wissen, dass ich vor 10 Jahren nach Bad Mitterndorf im steirischen Salzkammergut ausgewandert bin. Mit 55 Jahren - und einer angebotenen Frühpension - wollte ich endlich meinen Jugendtraum vom eigenen Hotel/Pension verwirklichen. Natürlich musste auch meine Familie - insbesondere Ingrid und Christoph - einverstanden sein. Ganz wichtig auch, unsere Jüngste, denn sie wollte nicht mit ins Ösiland. Der Älteste war ja schon längere Zeit hier in Österreich und er freute sich, dass die Eltern in die Nähe zogen. 

Eigentlich wollte ich ein Hotel im Val Müstair in Cierfs (Münstertal) kaufen. Leider machten aber die Banken nicht mit und verlangten viel zuviel Eigenkapital. So entschieden wir uns für Österreich, zumal hier das Gastgewerbe einen höheren Stellenwert hat als bei uns in der Schweiz. (so dachten wir.....) Wir wurden-  nach einer wöchigen Reise von Bischofshofen bis Liezen - in Bad Mitterndorf fündig.

Die Hotels, Pensionen und Bruchbuden die wir anschauten waren z..T. unter jeder Beschreibung. In einem Hotel waren in der Küche noch sämtliche Esswaren - inkl. einem Karton Eier - vorhanden. Mit grauen Bärten und hätten die Eier Wärme bekommen wäre die Küche wohl ein Hühnerstall gewesen. In einem anderen Hotel wohnten vermutlich die Hottentotten. Eine WC Schüssel war voll mit Zigarettenstummeln, Balkone wurden einfach verglast und als Zimmer "vermietet". Der Besitzer meinte, da könnte man ein feines 4* Hotel daraus machen... der Preis sei ja auch niedrig mit fast 800`00 EUR..... Der Umbau nochmals so viel :-) In einem Restaurant/Pension war das Schlafzimmer direkt hinter der Küche!!!!!! Unglaublich!! Bei einer anderen Pension - schön gelegen - aber direkt über dem Dach eine Hochspannungsleitung. Wir haben oft nicht verstanden was uns die Makler zeigten. Oder aber, wir haben uns immer sehr undeutlich ausgedrückt. Zwei Schöne durften wir ansehen - das eine war aber schnell verkauft und das andere stand definitiv am falschen Ort. Zwei Objekte sahen wir noch in der Nähe von Berchtesgaden an. Beim Einen wäre die Schwiegermutter noch inkludiert gewesen und beim Zweiten hat der Vorpächter die ganze Küche mitgehen lassen. Auch diese Zeit des Suchens war sehr spannend. Ich musste es dann selber erleben: jeder Käufer möchte den Preis zahlen von Onkel Tom`s Hütte und der Verkäufer glaubt er verkaufe sein Schloss Neuschwanstein :-)

Der Hubertushof in Bad Mitterndorf. Wir waren begeistert von der Lage, von der Substanz und der Wirkung des Hotel`s auf uns. Es war ein traumhaft schöner Herbsttag. Um 16.00 Uhr besichtigten Ingrid und ich den Hubertushof. Es war magisch und nach einer Stunde war uns klar: DAS IST ES!!!!!! (siehe Bilder)

Ein sehr netter Makler anerbot sich, sich um den Kauf zu kümmern. Wir fuhren zurück in die Schweiz im Glauben, dass es die richtige Entscheidung war. Makler, Haus, Ort und Region perfekt. 

Ein Hin und her begann. Der Makler setzte uns unter Druck, mit Geldforderungen, über Leistungen die noch nicht erbracht waren. Die Banken zierten sich und nur eine war begeistert und mischten zu unseren Gunsten bei den Preisverhandlungen mit. Sie nahmen auch gleich einen Steuerberater mit. Ingrid besuchte die Herren im Ausseerland und so brachten wir alles unter Dach und Fach. Es war nun an den Erben des Hubertushofes das Angebot zu prüfen um uns evt. den Zuschlag zu geben. Vorher wurde von der Vorbesitzerin - einer älteren, resoluten Dame in Friaul - gewünscht, dass sie uns kennen lernt. Also fuhren wir nach Friaul. Eine taffe Dame empfing uns in der Altersresidenz. Sie unterhielt sich hauptsächlich mit der Ingrid, ich war ein Anhängsel. Es würde zu weit führen, wenn ich diese Geschichte auch noch erzählen wollte.... aber interessant war sie allemal .

Die Vorbereitungen für unsere Auswanderung begann. Es war viel Arbeit - auch Emotional nicht einfach, sich vom alten Leben zu trennen. Die Familie, die Freunde und Bekannten zurück zu lassen. Mit dieser Zeit des Abschieds war ich oft emotional überfordert.  Wir mussten uns von vielen Dingen verabschieden, Pflanzen, Möbel, einfach Dinge des Alltags und schlussendlich auch unsere schöne Wohnung in Hochdorf musste losgelassen werden. Einen kleinen Anker haben wir liegen lassen. Das Studio im Keller. Das wollten wir als Heimathafen behalten. Es sollte uns in all den Jahren gute Dienste erweisen. Eine kluge Entscheidung. Meine Arbeitskollegen von der MIGROS bereiteten mir einen tollen Abschied. Viele berufliche Wegbegleiter*innen kamen zum Fest und auch einige Tränen wurden vergossen. So nahm ein 30 jähriger Weg eine neue Wende. Nach meinem letzten Arbeitstag fuhren Ingrid und ich noch nach Portugal in den Urlaub. Ich wollte mich lösen, vom Arbeitsplatz, vom "alten" Leben auf den neuen Weg Richtung Österreich. Natürlich war es auch für Ingrid nicht leicht, ihr gutes, vertrautes Netzwerk in Hofdere zu verlassen. Sie ist aber ein Mensch, der nicht lange studiert, sondern zielgerichtet auf neue Wege schaut. Ein Vorteil für sie war, dass sie wieder in die Nähe ihrer Familie und Freunde ziehen konnte um in ihrer alten Heimat wieder Fuss zu fassen.  

Ende Februar reisten wir erstmal nach Österreich zu Ingrids Schwester, wo wir wohnen durften und alles vorbereiten konnten. Wir mussten bis zum letzten Termin warten. Genau am 30. April 2008 um 20.30 bekamen wir vom Kurator der Erbengemeinschaft den Anruf, dass der Hubertushof nun uns gehöre und die Verträge zum Unterschreiben bereit lägen. Wir waren total Glücklich und wir freuten uns auf die neue Aufgabe. Was wir nicht wussten: Wenn du in Österreich ein Hotel übernimmst, bzw .eins kaufst, so werden die Behörden das Objekt unter die Lupe nehmen und dir in einem mehrseitigen Bericht - den eine Achterdelegation mit ihrem Kontrollbesuch erstellt hatte - übermitteln. Nichts von "einfach putzen und loslegen" wie uns der Makler versprochen hatte. Auch die Bank war "überrascht", wie viele Punkte zu erledigen waren. Keine Frage, das Hotel war 40 Jahre alt und die einzige Investition in dieser Zeit war eine neue Toillette im Erdgeschoss und eine Ölheizung !!! Aus dieser Nummer kamen wir nicht mehr heraus. Die Bank beruhigte uns aber, denn mit einer Auslastung von durchschnittlich 50% übers ganze Jahr im Ausseerland sei das kein Problem.  Es stellte sich dann später heraus, dass sich diese 50 % daraus resultieren, dass sämtlich Kur - und Kliniken mit in diese (touristische) Statistik einfliessen. Zieht man in Betracht, dass die Wintersaison für alle Betriebe fast 80-90% Auslastung brachte, so waren doch die Sommermonate nicht einfach zu bewältigen - ausgenommen eben die Kuranstalten. Mein Businessplan beruhte auf eben diesen 50 %. Die Bank war damit mehr als nur einverstanden. Ich schaffte es nie über 37 %, die ganzen 6 Jahre nicht!! 

Egal, damals wussten wir noch nichts von diesen schwarzen Wolken.... wir waren voller Feuer und Eifer um aus dem "Hubertushof" ein Juwel zu machen mit dem sinnigen Namen: "SILENT-HOTEL-HUBERTUS" .. in der Ruhe liegt die Kraft....

Im Mai reisten wir wieder in die Schweiz um unseren definitiven Umzug zu organisieren. Die Wohnung räumen, putzen und einem Mieter übergeben, den wir relativ schnell fanden. Es tat schon etwas weh, diese schöne Wohnung abzugeben... Was soll`s. Es war nun nicht mehr aufzuhalten. Eine Umzugsfirma aus Salzburg übernahm den Transport unseres Hab und Gutes und alles fand schlussendlich Platz in einem LKW ohne Anhänger. Dominique nahm die ganze Bagage in BM in Empfang und das Zeug wurde im Hotel Hubertushof abgeladen. Irgendwo eben....wussten wir doch nicht, was noch auf uns wartete. 

Nachdem wir den Zuschlag Ende April erhielten zogen wir nach BM ins Hotel. Irgend in ein Zimmer. Die Handwerker waren schnell gefunden und die Umbauarbeiten konnten beginnen. Da das Haus ein Jahr leer stand konnten wir nicht sofort das Wasser brauchen. Als erstes mussten alle Wasserleitungen überprüft werden, nach 40 Jahren.... Der Installateur - ein Meister seines Faches und ein Glücksfall für uns und das Hotel - erledigte diese Arbeit in nützlicher Frist. Allerdings konnten wir lange nicht wirklich warm Duschen und mussten in der Waschküche behelfsmässig unsere Körperpflege verrichten. Da wir unser ganzes Leben noch nie ein  Haus umbauten waren wir - im nachhinein - schon sehr mutig, dies anzugehen, ohne Bauleiter, ohne fachliche Hilfe. Aber wir hatten wirklich Glück. Der Vorarbeiter vom Elektriker hat diese Aufgabe mehr oder weniger übernommen. Wir hatten einen sehr guten Draht zu ihm, die Chemie stimmte und so machte er mich immer wieder auf Details aufmerksam oder er riet mir das so oder so zu tun. Alle Handwerker waren aus dem Dorf oder zumindest aus näherer Umgebung. Das war vielleicht etwas teurer, aber sehr von Vorteil in den späteren Jahren. Wir verstanden uns wirklich mit allen sehr gut und es herrschte eine angenehme Athmosphäre auf unsere Baustelle. Es klappte Hand in Hand mehr oder weniger alles auf Anhieb. Es wurde Usus, dass wir am Freitagnachmittag alle zusammen sassen und uns ein Wochenend -Bierchen gönnten. Eine richtige Baufamilie :-)

Das Hotel ausräumen war ein spezielles Erlebnis. Die Schwiegertochter und mein Sohn halfen uns all die alten Möbel und Betten aus dem Fenster zu werfen. Diese Arbeit befreite.... raus mit Altem, Platz für Neues (Siehe Blogeintrag: Gerümpel)

Bilder vom Umbau

Die Bilder zeigen es. Es war viel zu tun. Wir mussten für die behördliche Betriebsbewilligung 29 Punkte ändern. Der grösste Happen war die Feuermeldeanlage. In allen Zimmern einen Rauchmelder - wirklich in jedem Raum, vom Keller bis zum Dachboden. Automatische Rauchabzugsfenster, Brandschutztüren und eine Alarmanlage, die verbunden wurde mit der FZ Liezen bzw. Graz. In BM gab es gerade mal drei Gebäude mit so einer Anlage. Dieses Teil hat die Hälfte des Investitionsvolumens aufgefressen. Dabei wären die Bäder, die Küche, die Heizung, Böden und Fenster für mich viel wichtiger gewesen. Aber so sind nun mal die Vorschriften. Alle Zimmer bekamen noch neue Balkontüren, weil die alten nicht Bruchsicher waren. Ja, es läpperte sich so  zusammen. Irgendwann war das Budget erreicht und wir wollten ja nicht nur behördliche Auflagen erfüllen, sondern auch dem Gast Gemütlichkeit, Wohlbehagen und gute Betten anbieten. Ein Ambiente schaffen, damit der Urlaub auch gelinge. 

Tagbuch vom Juli bis September 2008

Diese Tagebuchausschnitte zeigen, dass es immer wieder zu Verzögerungen und Änderungen kam. Unser ursprünglicher Plan im August offiziell zu eröffnen rückte immer in weitere Ferne. Irgendwann entschlossen wir uns, dass wir diesen Tag auf Beginn der Wintersaison verschieben würden. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es immer wieder Gäste, die den Weg zu uns in Silent-Hotel-Hubertus fanden.  Öfters suchten wir etwas Zeit um uns in der Umgebung umzusehen, Das Ausseerland hat an Natur viel zu bieten. Das berühmte Hallstatt in der Nähe, Grundelsee, Altausseersee, der mit wilden Geschichten umwitterte Toplitzsee, die Salzbergwerke in Altausse, Schloss Trautenfels. Nicht zu vergessen, die Sommerresidenz vom Kaiser Franz in Bad Ischl. Die Vielfalt im Ausseerland begeistert mich bis heute. Ganz besonders angetan hat es mir die Tauplitzalm. Nicht unbedingt im Winter, aber der Frühsommer und auch ein farbenfroher Herbst waren einfach beeindruckend.. Ein wahres Juwel. Ich verbrachte in den kommenden Jahren viele Stunden dort um Ruhe zu suchen, um mich wieder ins Gleichgewicht zu bringen. So viele Kraftplätze sind da zu finden. Die Vielfalt der Blumen ist einfach einmalig. Der Almrausch, der Enzian. Eine Augenweide. Verstreut liegen die 6 kleinen Seen  auf der Alm. Viele kleinere und grössere Hütten und Jausenstationen bieten genügend kulinarische Genüsse. Ein Paradies. 

 

 


 

Das Silent-Hotel-Hubertus nach der Renovation


Ein eigenes Kapitel verdient meine Frau. Die ganzen Zimmer, die Dekorationen, die geschmackvollen Farben, passend dazu die Vorhänge. Die ganzen Malerarbeiten hat sie mit dem örtlichen Malermeister abgesprochen. Jedes Zimmer bekam dadurch eine eigene Note, ein eigenes Flair. Die alten Stühle: komplett neu gepolstert und neu überzogen. Profiarbeit. Die Betten, die Bilder dazu, die schöne Bibliothek die Tischtücher und die gesamte Gestaltung des Hotels lag in ihren Händen. Ein Profi hätte das nicht besser hingekriegt. Sie war die Seele des Hotel`s, Sie hat dem ganzen Hause die Behaglichkeit und Wärme eingehaucht. Einfach grossartig!! Das Alles immer in einem sehr sparsamen Modus. Aus Wenig mach viel. Sie nähte, sie werkte und schaffte so eine Harmonie. Alles stimmte. Sogar das Kellerstüberl - eine ehemalige Bar mit Separées - konnte sie so gestalten, dass wir auch diesen Raum wieder für bestimmte Anlässe oder Kurslokal brauchen konnten. Für mich die grösste Leistung war aber, dass sie mit wenigen Dingen eine grosse Wirkung erzielte. Nichts war überladen oder belastend. Sie hat die ganzen Jahre dafür gesorgt, dass das Hotel immer den Jahreszeiten entsprechend dekoriert war und die Wohlfühlathmosphäre nie verloren ging. Das soll ihr mal jemand nachmachen.....(siehe Bilder) 


Bei meiner Geschichte muss ich nun etwas auf meine früheren Blog-Einträge zurückgreifen. Wir hatten ab August das Hotel inoffieziell in Betrieb. Obwohl noch viel zu tun war. Die Wohnungen für Christoph und für uns im dritten Stock waren noch nicht im Anfang wohnbereit. Die Hotelvorschriften waren so, dass ein Haus mit drei Stockwerken einen Lift aufweisen müsste, so haben wir die zwei Zimmer im dritten Stock nicht als Gästezimmer deklariert, sondern als Personalzimmer. Auch sonst waren noch einige Dinge zu erledigen. Gott sei Dank nur noch Kleinigkeiten, die grossen Dinge waren erledigt. 

Es gab auch einige private Dinge die noch zu erledigen waren. Z.B. musste ich für die Umschreibung meines schweizerischen Führerscheines eine komplette gesundheitliche Untersuchung machen. Ja, die Behörde sprach sogar von Fahrstunden.... Also die - unsere spätere - Hausärztin musste herzlich Lachen weil schliesslich Europäer aus Ländern wo nicht sehr darauf geschaut wird, ob Fahrstunden absolviert werden und Führerscheine gekauft werden können dieses "Dokument" ohne weiteres bekommen. Die Behörde hatte ein Einsehen und sahen von dieser Massnahme ab, aber die Untersuchung musste ich über mich ergehen lassen. Tat ja nicht weh, kostete einfach ein wenig was :-) 

Dadurch, dass ich nicht sofort voll in den Betrieb einsteigen musste, konnte ich mich auch an gewisse Dinge des Alltags gewöhnen. Es gab ja viele Unterschiede zur Schweiz. Das erste war sicher, dass das Qualitätsdenken bei Früchte und Gemüse hier bescheidener war als in meiner alten Heimat. Die Fleischstücke hatten alle andere Namen. Ich fand aber in den Dorf-Fleischereien - Diechtl und Aichinger - absolute Profis die mir immer mit Rat und Tat zur Seite standen. Das immer wieder in Top-Qualität. Wir haben uns in diesen Monaten immer wieder gefragt wie wir einkaufen wollen. Etwas teurer im Dorf, oder alles vom Grosshändler? Wir haben uns für das Dorf entschieden. Das Fleisch, das tägliche Brot - von Reisinger -  die Frischprodukte vom Spar oder Billa. Nur gewisse Grosspackungen holte ich in Liezen beim Gastro Grosshandel. Den Wein und das Bier kaufte ich auch beim Händler im Dorf. Marmelade entdeckten wir in einer kleinen Kocherei in Ebensee, den Kaffee und Bio Tee aus Graz und sogar die Hygiene- und Putzartikel waren aus Österreich. Ich wollte meine Küche auf frischen Produkten aufbauen, auf Regionalen Produkten. Ich kaufte auch den wunderbaren Saibling in der super Fischzucht vom ÖBF in Kainisch. Den phantastischen Zirbenschnaps von der Knödlalm. Alles wunderbare Produkte. Mit diesen Produkten versuchte ich mich in der Küche. 

Dieser langsame Beginn unserer Arbeit auf Betriebstemperatur mit möglichen 34 Gästen verschaffte uns natürlich auch viel Luft um alles etwas näher anzuschauen. Uns schlau zu machen über das Ausseerland. Wir wollten schliesslich auch bei unseren Gästen etwas punkten und viel Wissen verfügen über den "Mittelpunkt-Österreichs".

Inzwischen war es Oktober 2008 und Christoph trudelte bei uns ein nach seinem 6 monatigen Aufenthalt in Kanada. So konnten wir drei - Vater, Frau/Mutter und Sohn - sich auch langsam an einander gewöhnen. Christoph nahm mir viel Arbeit ab was die Rezeption anbelangte. Die Reservierungen, das Buchungsprogramm und natürlich das Restaurant immer auf Vordermann zu halten. Wir gewöhnten uns an all die Jahre, dass wir immer zusammen Frühstückten - so ab 11.00 - um auch die Tage zu besprechen, So konnte jeder seine Sorgen und Nöte in seinem Bereich kundtun. Hie und da auch etwas lästern oder tratschen über das Dorf, die Gäste .... Wir einigten uns darauf, dass Ingrid das Frühstück übernahm, die Wäscherei und die Zimmer. Christoph war zuständig für das Restaurant, den Hausdienst und die Rezeption. Ich für die Küche, den Einkauf und die allgemeine Leitung übernahm. Natürlich ging das nicht immer Konfliktlos. Es krachte schon öfters, ganz besonders in der ersten Zeit. Es war nicht einfach als Familienbetrieb zu funktionieren. Sowas hatten wir Drei noch nie gemacht. Trotzdem, wir haben uns zusammengerauft und es funktionierte schlussendlich hervorragend. 

Ein Problem hatten wir noch nicht gelöst: Personal!! Wieviel würden wir brauchen? Wieviele waren nötig? Wir entschieden uns - auch auf Empfehlung einer Beraterfirma - auf einen Hausmeister, ein Zimmermädchen und eine Küchenhilfe. Ich war erstaunt, wie schnell wir die ersten Helfer fanden. Das Zimmermädl war aus dem Dorf, eine sympatische Frau und den Hausmeister war ein Maler-Leiharbeiter aus dem Osten Deutschlands. Die Küchenhilfe war ein Zufall.... Es meldete sich eine Köchin, auch aus dem Dorf, die wollte sich verändern. Eigentlich überqualifiziert als Küchenhilfe, denn sie war selber Köchin. Am Tag als sie ihren Dienst antreten sollen, sagte sie doch nein zum Job. Sie brachte aber eine Freundin mit, die nur wenige Stunden arbeiten wollte und immer auf Abruf bereit wäre. Idealfall.... Sofort engagiert und ich sollte es nicht bereuen. Sie blieb bis zum bitteren Ende bei uns und war mir eine grosse Hilfe. 

 

Tagebuch vom September - November 2008

Offizielle Eröffnung vom SILENT-HOTEL-HUBERTUS 29.11.2008

 

Es war soweit. Die offizielle Eröffnung von meinem Traum. Er sollte nun nicht mehr nur geträumt werden, sondern er musste zu Leben beginnen. Die guten Wünsche waren viele. Aus überall her kamen die Glückwünsche. Verwandtschaft, Freunde und Bekannte, per Mail, Karten und persönlich. Wir haben zu diesem besonderen Tag eingeladen; den Bürgermeister, die Herren von der Bank, Steuerberater, der Herr Pfarrer, Lieferanten, Nachbarn und natürlich die Lokalpresse.  Unser Zimmermädel Silvia, der Hausmeister Andreas, die Küchenhilfe Waltraud, Christoph, Dominique und Daniela und ich versuchten den Gästen gerecht zu werden. Es gab eine feine Gulaschsuppe und frische belegte Brote mit regionalen "Füllungen". Feines frisches Bier oder auch ein Gläschen Wein. Die Gäste waren zufrieden und wir auch. Viele gute Gespräche, viel leichte Konversation und auch Reden gabs. Der Bürgermeister begrüsste uns offiziell in Bad Mitterndorf, der Bankdirektor sagte ein paar Worte. Danach hat uns der Herr Pfarrer - dem Haus und uns - den Segen der kath. Kirche gegeben. (Hat leider nicht viel genützt :-) ) Natürlich habe auch ich eine Rede gehalten. Fremdsprachlich - in Hochdeutsch mit stark schweizerischem Akzent :-) Dabei habe ich Ingrid einen Rosenstrauss überreicht. Die Emotion überwältigte mich fast, weil mir dabei so richtig bewusst wurde, was sie für mich und meinen Traum geleistet hatte. Ein starker Moment. Wir sind angekommen. 

Das Wochenende darauf war Betriebstemperatur angesagt. Das Haus war voll mit einer Gruppe. Die erste Feuerpause für mich in der Küche. Ich habe noch nie für so viele Menschen gekocht. Dazu war ich noch ein wenig eingeschränkt, weil es mich kurz vorher auf dem Eis hingeknallt hat. Egal, Selbst-ständig heisst das was es ist.... 

Unsere erste Weihnacht im "neuen" Land. Es war schon ein unglaubliches 2008. Aus einer "Eingebung" habe ich 2005 mit der Wirtefachschule in Bern angefangen. Ich vergesse meine "erste" Schulstunde nicht mehr: Ich war sowas von nervös, weil ich glaubte, dass ich eh der älteste Teilnehmer sein werde. Weit gefehlt, es gab noch ältere Damen und Herren, die es auch nochmals wissen wollten. In den laufenden zwei Jahren - immer Dienstag und Donnerstag von 18:00 bis 21:00- besuchte ich die  Schule. Es war eine überaus herrliche Zeit. Tolle Menschen habe ich hier getroffen. Es war eine tolle Stimmung und ich habe den Schulstoff aufgesogen wie ein Schwamm. Leider war es in meiner frühen Jugend nicht so.... Schule war nur mühsam....

Die Prüfungsangst war wie früher enorm, aber ich habe überall auf Anhieb bestanden. Ein super Gefühl und ich war mächtig Stolz auf mich. Natürlich hat auch da die Ingrid wieder viel dazu beigetragen, sie hat immer fleissig mit mir gelernt. 

Jetzt musste ich beweisen, dass ich meinen Job gut mache. Das Essen kalkulieren, richtige Mengen einkaufen etc. Nach dem ersten WE mit "echten Gästen" - also keine Freunde mit Bonus für mich - musste ich gewisse Dinge korrigieren. 1. Die Gäste sind nicht zu mästen, sondern eine anständige Mahlzeit reicht (Preis/Leistung) 2.Nicht zu früh in die Küche stehen. 3. Auch mit der Essensauswahl musste ich flexibler werden. Ich habe mich entschieden, dass ich ein 4-Gänge Menü anbiete, mit der Möglichkeit einer vegetarischer Variante. Ich musste aber bald zur Kenntnis nehmen, dass das nicht genug ist. Am Menü änderte ich nichts, aber ich musste quasi eine "Stumme" Karte im Rücken haben. D.h. Christoph fragte bei den Gästen nach ihren Wünschen und ich versucht diese umzusetzen. Ist mir nicht immer leicht gefallen, Anfangs auf jeden Fall nicht, weil ich in Panik geriet, dass ich das nicht schaffen würde. Am Ende war auch das keine Frage mehr. 

Der erste Winter in BM war sehr kalt. Bis zu - 14°. Steffi besuchte uns über die Feiertage. So waren wir doch zusammen an Weihnachten. Ich liebe Weihnachten und mit der ganzen Familie sowieso.... Wir hatten das Hotel geschlossen vom 20.- bis 25. Dezember. So haben wir es dann all die Jahre gehalten. Die einzige Zeit wo wir wirklich unter uns sein konnten und wollten. 

 

 

Unsere erste Wintersaison startete mit dem 25. Dezember 2008 und sollte sich bis Ostern 2009 durchziehen. Für die erste Saison waren wir richtig gut gebucht. Wir lernten schnell und viel... Ein erster Höhepunkt war das Kulmspringen (Weltcup Skifliegen) in BM. Bis zu 35000 Zuschauer lockte diese Veranstaltung ins Ausseerland. Hubert Neuper, die Adler-Legende aus BM besuchte uns. Er war der Organisator der Skiflug Tage am Kulm. Mit ihm konnte ich einen Vertrag über diese Tage abschliessen.  Unsere Betten waren dadurch mehrheitlich durch Funktionäre vom ÖSV und Sprungrichtern belegt und einige Journalisten. Die restlichen Betten hätten wir vermutlich mehrfach vermieten können. Viele Pensionen und Hotels erhöhten für diese Zeit die Preise massivst. Ich konnte das nicht nachvollziehen. Die Arbeit blieb die selbe und ausgebucht waren wir sowieso. Wir verlangten normale Hochsaisonpreise und damit Basta. Mich hat Abzockerei schon immer gestört. Vielleicht ungeschickt oder Naiv, aber für mich  war das in Ordnung. Genauso habe ich nie verstanden, dass ich in einem Hotel für ein Einzelzimmer mehr bezahlen musste als derjenige im Doppelzimmer. Ausgenommen in Einzelbelegung des Doppelzimmers. So waren uns die Gäste für diese Geste sehr dankbar. Auch unsere Einzelzimmer waren keine "Besenkammern" sondern anständig grosse Zimmer mit normalem Bad/WC und einem etwas breiterem Bett. Wir hatten vier davon und gerade Geschäftsleute wussten das zu schätzen. 

Schon bald hatten wir Ärger mit unserem Zimmermädl. Dauernd war sie krank und immer dann, wenn viele Gäste im Haus waren. Ich ertappte sie dabei, dass sie im Buchungsprogramm nachschaute, wann das Hotel gut belegt war und dann war sie krank. So musste wohl oder übel Ingrid oder Christoph die Zimmer putzen und herrichten. Eine Zusatzbelastung. Irgendwann stieg uns der Hut. Durch einen "Versprecher" der Arzthelferin konnten wir sie des "Blaumachens" überführen und ich konnte sie fristlos kündigen. Drei Monate angestellt und einen davon krank. Sie drohte uns zu klagen, aber das funktonierte nicht. Gott sei Dank fanden wir bald Ersatz und das war dann ein Glücksfall. Anita war auch aus dem Ort und eine Perle die uns nie im Stich liess. Zuverlässig und fleissig bis fast zum Schluss vom Silent-Hotel.  Eine neue Erfahrung für uns war, Mitarbeiter*innen und ihr Verhalten zu beurteilen, zu tadeln, zu loben, motivieren, oder - wenn nötig - auch zu kündigen. War nicht immer einfach. 

Ein spezielles Ereignis fand am 16. Jänner 2009 statt. Dominique feierte seinen dreissigsten Geburtstag in unserem Hause. Mit Familie und Freunden. Einige seiner Freunde waren körperlich benachteiligt und ein Spitzensportler im Rollstuhl schaffte es mit etwas Hilfe, mit seinem Rollstuhl in den ersten Stock zu "fahren". Bei solchen Oberarmen, kein 'Wunder :-) Es war ein gelungenes Fest und es dauerte bis in die frühen Morgenstunden. 

Anschliessend begannen die Winterferien der meisten österreichischen Bundesländer und auch Deutschland wollte in die Schiferien fahren. Das Hotel war gut bis sehr gut belegt. Lange Tage und Nächte waren angesagt.

Ein Bauer schlug uns in dieser Zeit eine grosse Lerche im Garten. Etwas mehr Licht und Luft ins Hotel mit dieser Massnahme. Auch einige Weiden an der Seite des Hotels mussten Platz machen. 

Wir arbeiteten wirklich viel und die Tage flogen nur so dahin. Meine Aufgabe war es auch, nach dem Abendservice und der Küche putzen, noch an der Rezeption zu sitzen und auf die letzten Gäste zu warten. Ich war immer erst dann beruhigt, wenn ich wusste, dass alle Gäste im Hause waren. Ich war aber auch für die Gäste noch da, die noch etwas trinken, oder sich noch etwas unterhalten wollten. Gästebetreuung nennt man das. Allerdings merkte ich schnell mal, das das auch gewisse Gefahren barg. Alkohol. Da ein Gläschen mittrinken, da noch ein Schnäpschen ... Meistens hatte ich mich aber im Griff und es wurde nicht gefährlich. 

Mein Traum hat also zu Leben angefangen. Dabei hatte ich einen Blog Eintrag gemacht, der doch eher nachdenklich war.....Es gingen auch einige Reaktionen ein, direkt oder auf meinem E-Mail Konto und viele haben diesen Eintrag nicht verstanden. Dabei wollte ich nur von Träumen reden und die Realität gegenüberstellen. Lest selber......

Winter 2008/2009 mit genügend Schnee

Die Tage zogen sich dahin. Wir lernten wirklich täglich etwas neues dazu. Auch mit den Gästen umzugehen. Mit den schwierigen und den netten. 

Es gab Gäste, die kamen zur Tür herein und du wusstest: Mit denen wird´s toll, mit denen wird´s kompliziert und mit den dritten wird´s richtig schwierig. Natürlich habe ich mich auch getäuscht. Meistens aber haben wir sie richtig eingeschätzt. Da war z. B eine Familie aus Budapest. Mit zwei Kindern... kaum waren die im Haus drin lag schon der erste Gegenstand am Boden. Nach dem Zimmerbezug sind keine 5 Minuten vergangen, war die Mutter mit einer Bodenvase in der Hand an der Rezeption. Wir mögen diesen Gegenstand wegräumen, sie könne nicht garantieren. In Folge waren wir immer ziemlich nervös, wenn die Kinder irgendwo unterwegs waren. Die konnten nie einfach nur gehen... immer im Laufschritt und der Bub mit einem Gewehr bewaffnet. Dies musste ich ihm dann verbieten, weil sich andere Gäste dermaßen schreckten. 

Es gab auch die Gäste, die ich immer als Energie-Bezüger bezeichnete. Die kamen rein und ich wusste, die brauchen viel Kraft. Die "steckten" ihren "Akku" sofort bei uns ein und "sogen" von uns die Energie ab. Meistens sehr nette Menschen. Sehr Mitteilungsbedürftig und immer auf der Suche nach einem von uns um uns eine Geschichte - meistens gesundheitlicher Natur - zu erzählen. Oder ihre Sorgen mit der Familie, mit Freunden etc. Uns blieb oft nur die Flucht, oder eine Ausrede oder sogar einen Anruf an den "in - Beschlag - genommene" um ihn/sie loszueisen. 

Auch in der Küche lernte ich schnell und viel. Ich war zufrieden mit meinen Leistungen. Die Gäste goutierten meine Kreationen mit viel Lob und Wohlwollen, Ich hätte nie geglaubt, dass es mir sogar Spaß machen würde für "fremde" Menschen zu kochen und oft für 34 Personen. Das war immer eine Herausforderung. Das richtige Einkaufen, die richtige Menge. Zu Beginn meiner Kochlaufbahn habe ich doch viel in den Mistkübel produziert. Meine Portionen waren einfach zu groß. Es gab meistens eine Suppe, dann gemischten Salat, einen Hauptgang und dann noch ein Dessert. Alles bereitete ich frisch zu und es war hart, davon einen Viertel oder noch mehr in die Grüntonne zu schmeißen. Ich lernte schnell und ich machte die Portionen sofort kleiner und gab den Gästen die Möglichkeit, jederzeit einen Nachschlag zu ordern. So waren alle zufrieden und Preis/Leistung war gegeben. 

Ingrid war für das Frühstück zuständig. Auch da, sie lernte schnell und hatte bald alles bestens im Griff. Die Gäste liebten unser Büffet mit frischen Früchten, einheimischen Wurstwaren, Yoghurt, Müsli und natürlich die wunderbare Marmelade von Bad Ischl. Das täglich frische Brot - besonders das Grimming- oder Thermenbrot fand neben den Semmeln und Brötchen begeisterte Abnehmer. Um 6:00 war der Bäcker jeden Tag hier und die Gäste konnten dieses herrlich frische Brot genießen. 

Ein einziger Kompromiss ging ich ein. Die Schnitzel und die Cordon-bleu kaufte ich fix-fertig, tiefgefroren. Die waren aber auch alle handgemacht und kosteten ihr Geld. Die Zeit, die ich damit sparte war enorm. Natürlich auch die "patzerei". Ich mochte diese Arbeit des panierens überhaupt nicht. So hatte ich auch immer etwas in Reserve. Auch etwas Dessert hatte ich eingefroren, damit ich jederzeit etwas bereitstellen konnte. So war ich meistens bereit, wenn es Überraschungen gab. 

Eine Eigenart war die Geschichte mit dem Strom. Der Energieanbieter bot mir den Starkstrom etwas günstiger an, wenn sie ihn mir um einige Zeit abstellen konnten. Ich hatte drei Möglichkeiten: entweder früh am Morgen, am Nachmittag oder Spätabends. Also hatten wir von 23:00 bis 01:00 keinen Starkstrom. Somit konnte ich diese Zeit mein SCC Gerät (Self Cooking Center) nicht benützen. Ich weiß eigentlich bis heute nicht, was das bringen sollte. Mir brachte es einige Cent billigeren Strom. 

Mein SCC Gerät war eine spezielle Investition. Es kostete fast soviel wie ein Kleinstwagen, aber es war eine gute Investition. Mit diesem Gerät konnte ich kochen, dämpfen, backen, grillen oder auftauen. Einfach alles. Es reinigte sich selber, was ich sehr zu schätzen wusste. Das wichtigste aber war für mich: Ich brauchte etwa 85 % weniger Fett einsetzen als wenn ich frittiert hätte. Somit konnte ich auch X-Liter von Altöl einsparen. Sogar ein Schnitzel konnte so gebacken werden, als wäre es frittiert oder in Butter ausgebacken worden. Einfach nur genial. Ich konnte auch gleichzeitig verschiedene Gerichte herstellen, im selben Arbeitsgang. Damit ich dieses Gerät beherrschen konnte habe ich viele Kochkurse besucht, die nur darauf ausgerichtet waren, dieses Gerät optimal zu beherrschen. Anscheinend hatten "richtige" Köche damit Mühe und es verletzte ihren "Berufsstolz". Mein Nachfolger auf jeden Fall wollte von diesem Gerät nichts wissen und so konnte ich dieses Teil gut verkaufen.